«Am 12.9. wurde der Dokumentarfilm „NAZA“ von Yuval Abraham and Rachel Szor bei den 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der Film beruht auf Interviews mit israelischen Soldaten. Auf der Website der Filmfestspiele wird sein Inhalt so zusammengefasst: „Der Film, der nachts auf den Dächern von Tel Aviv gedreht wurde, beleuchtet detailliert die Mechanismen hinter Israels gezielten Massenmorden an palästinensischen Zivilisten im Gazastreifen.“ Das Publikum applaudierte 25 Minuten lang.
Die Reaktionen in Israel waren heftig und kulminierten in der Forderung des Kultusministers Miki Zohar, den beiden Regisseuren die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Über tausend israelische Filmemacher unterzeichneten am 14.9. eine Erklärung, in der sie ihre Solidarität mit Yuval Abraham und Rachel Szor bekundeten. Zu den Unterzeichnern gehörten prominente israelische Filmemacher wie Ari Folman, Shlomi Elkabetz, Ran Tal und Michal Aviad. In der Erklärung heißt es: „In den letzten Tagen wurden wir Zeugen einer beispiellosen Kampagne der Hetze und Anstiftung gegen die Macher des Films, und der Abstand zwischen dieser Kampagne und der Anstiftung zur Gewalt sowie der physischen Bedrohung ihres Lebens wird immer geringer.“
Auch Juristen schalteten sich sein. Eine Gruppe von 14 Völkerrechtsexperten aus verschiedenen israelischen akademischen Einrichtungen, darunter Experten für Kriegsrecht, forderte am 15.9. eine „unabhängige Untersuchung“ mutmaßlicher Verstöße gegen das Völkerrecht und Kriegsverbrechen während des Gaza-Kriegs, einschließlich des Verhaltens hochrangiger Beamter und politischer Entscheidungsträger. Die Experten knüpften an die ablehnende Reaktion der israelischen Streitkräfte auf den Film „NAZA“ an und argumentierten, dass die darin erhobenen Vorwürfe eine unabhängige und effektive Untersuchung des Verhaltens Israels im Hinblick auf das Völkerrecht erforderten. In der Erklärung der Rechtswissenschaftler hieß es, sie hätten sich während des Krieges mehrfach an die zuständigen israelischen Behörden gewandt und auf mögliche Verstöße hingewiesen, darunter die Anstiftung zur Zerstörung von Infrastruktur ohne militärische Notwendigkeit, unverhältnismäßige Schäden für Zivilisten sowie die Behinderung oder Verzögerung humanitärer Hilfe.
Diplomaten erklärten, dass die Drohungen der israelischen Regierung gegen die Filmemacher die Berichterstattung über einen Film verstärkt hätten, der zuvor außerhalb von Festival- und Kulturkreisen kaum Beachtung gefunden hatte.»
Anlasslose tödliche Schüsse israelischer Soldaten auf palästinensische Autos mit Kindern
Die israelische Menschenrechtsorganisation B´Tselem berichtete am 7.9.:
„In einem Zeitraum von sechs Monaten, von Anfang Dezember 2025 bis Anfang Juni 2026, töteten israelische Streitkräfte im Westjordanland neun Menschen, darunter zwei Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren sowie einen sieben Monate alten Säugling, bei fünf verschiedenen Vorfällen, bei denen sie ohne Vorwarnung auf Autos schossen, in denen sich Palästinenser in Wohngebieten befanden, obwohl diese keine Bedrohung darstellten. In allen Fällen eröffneten die Streitkräfte das Feuer auf die Fahrzeuge, nachdem diese ihre Geschwindigkeit verringert hatten, um anzuhalten. In zwei Fällen hatten die Fahrer aus eigenem Antrieb gebremst, nachdem sie in Panik geraten waren, als sie die Anwesenheit der Streitkräfte am Ort des Geschehens bemerkten, obwohl ihnen kein Anhaltbefehl erteilt worden war. Bei zwei weiteren Vorfällen waren sich die Fahrer der Anwesenheit der Streitkräfte überhaupt nicht bewusst, bevor sie unter Beschuss gerieten. Aus allen fünf von B’Tselem untersuchten Fällen ergibt sich ein wiederkehrendes Muster: tödlicher Schusswaffengebrauch gegen Fahrzeuge, in denen sich Zivilisten befanden, selbst wenn diese keine Gefahr für die Streitkräfte darstellten.
In drei der Fahrzeuge befanden sich Familien mit Kindern.
Bei einem Vorfall am 10. Januar 2026 schoss ein Soldat auf das Fahrzeug, in dem der 58-jährige Shaker Ja’bri, seine Tochter und ihre vier kleinen Kinder im Alter zwischen zwei und elf Jahren beförderte. Das Auto fuhr bergauf, und Ja’bri trat voll auf die Bremse, als er vor sich Soldaten sah. Sofort feuerte einer der Soldaten aus nur wenigen Metern Entfernung drei Schüsse auf das Auto ab. Ja’bri wurde an der Stirn getroffen und starb auf der Stelle.
Bei einem weiteren Vorfall, der sich am 15. März 2026 in der Stadt Tammun ereignete, eröffneten verdeckte Beamte der Grenzpolizei aus einer Entfernung von etwa 10 Metern heftiges Feuer auf ein Auto, in dem ein Ehepaar und ihre vier kleinen Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren saßen. Die Eltern – Wa’d und ‘Ali Bani ‘Odeh –, ihr sechsjähriger Sohn ‘Othman und ihr fünfjähriger Sohn Muhammad kamen dabei ums Leben. Die beiden überlebenden Kinder, der 11-jährige Khaled und der 8-jährige Mustafa, wurden leicht verletzt. Die Schüsse fielen unmittelbar, nachdem das langsam fahrende Familienauto eine Kurve auf einer der Straßen der Stadt genommen hatte. Der Vater, der am Steuer saß, wurde von den Soldaten nicht aufgefordert anzuhalten. Die Familie sah die israelischen Streitkräfte erst, als sie unter Beschuss geriet, und war sich ihrer Anwesenheit in der Gegend zuvor nicht bewusst.
Beim dritten Vorfall am 5. Juni 2026 in Hebron eröffnete ein Soldat das Feuer auf ein Auto, in dem sich das Ehepaar Dania Salama-Abu Haikal und ihr Ehemann Fahed Abu Haikal, ihr sieben Monate alter Sohn Sam, dessen 12-jähriger Bruder Kinan sowie die 80-jährige Großmutter der Kinder, Firyal Abu Haikal, befanden. Wie schon beim vorherigen Vorfall in Hebron ereignete sich die Schießerei, während das Auto langsamer wurde und kurz davor war, anzuhalten. Dennoch eröffnete einer der Soldaten aus einer Entfernung von etwa 20 Metern das Feuer auf das Auto und tötete dabei den Säugling.“
