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Gideon Levy, 17. September 2026

Hier die deutsche Übersetzung:

Der Gaza-Dokumentarfilm hat im ganzen Land einen Aufschrei ausgelöst. Nach Jahren der Unterdrückung, der Leugnung und der Lügen, der Apathie und Gleichgültigkeit, ist der Eiter nun in einem gewaltigen Strom hervorgebrochen. Das ist ein gesunder Prozess, selbst wenn er hässliche Erscheinungsformen beinhaltet.

Noch bevor auch nur ein einziger Israeli ausser Raviv Drucker „NAZA“ gesehen hat, hat der Film bereits einen enormen Beitrag zur israelischen Debatte geleistet. Die Regisseure Rachel Szor und Yuval Abraham haben eine Hysterie ausgelöst. Und diese Hysterie ist das Beste, was der israelischen Gesellschaft seit dem 7. Oktober 2023 widerfahren ist.

Zum ersten Mal sind Israelis über etwas schockiert, das weder Premierminister Benjamin Netanjahu noch die Geiseln sind. Zum ersten Mal sind sie wütend, schockiert und ausser sich angesichts des Lärms aus dem Gazastreifen. Und tief in ihrem Inneren wissen sie auch warum.

Diese Welle der Hysterie, wie Israel sie noch nie zuvor erlebt hat, offenbart zugleich das wahre Gesicht fast der gesamten Gesellschaft. Und was mehr könnte man von einem Dokumentarfilm verlangen – erst recht, bevor ihn überhaupt jemand gesehen hat?

Diese Hysterie enthüllt etwas, das jahrelang verborgen war, aber plötzlich ausgebrochen ist. Nach Jahren der Unterdrückung, der Leugnung und der Lügen, der Apathie und Gleichgültigkeit, ist der Eiter in einem gewaltigen Strom hervorgebrochen. Das ist ein gesunder Prozess, selbst wenn er hässliche Erscheinungsformen beinhaltet.

Israel ist aus seiner kranken Gelassenheit aufgeschreckt worden. Plötzlich spricht man über Gaza statt nur über die Preise von Auslandsflügen.

„NAZA“ hat die Abkopplung der Israelis von der Realität zerstört. Das war vorhersehbar, selbst als es so schien, als könne nichts die Israelis erschüttern. Doch die Heftigkeit zeigt, wie gross der Abszess ist.

Die wahnsinnige Wut auf Szor und Abraham zeigt, dass es ihnen gelungen ist, das Zentrum des Abszesses zu berühren. Und das tut weh. Die Heftigkeit der Reaktion zeigt, dass die Israelis spüren, dass etwas unter ihren Füssen brennt. Wer mit solcher Wut aufschreit, versteht, dass etwas gewaltig schiefgelaufen ist. Eine Gesellschaft, die von ihrer eigenen moralischen Rechtmässigkeit überzeugt ist, reagiert nicht so auf einen Film.

Dieser Sturm mag durchaus wieder abebben, doch seine Intensität könnte auch einen Wendepunkt ankündigen. Nachdem wir die Filmemacher auf dem Stadtplatz aufgehängt haben, wird vielleicht jemand verstehen, dass dies ein letzter, verzweifelter Versuch war, der Wahrheit auszuweichen, sie zu erwürgen und zu unterdrücken.

Doch diese Wahrheit wird Israel für immer verfolgen, denn der Verantwortung für einen Völkermord kann man nicht entkommen. Fragt nur die Türken. Diese Schuld wird uns nie loslassen. Sie wird eine ewige Schande sein.

„NAZA“ hat noch einen weiteren wichtigen Beitrag geleistet: Es hat alle Masken heruntergerissen. Von nun an gibt es nicht länger eine Linke und eine Rechte, aufgeklärte Menschen und Verblendete, Humanisten und Barbaren. Fast wie ein Mann stürzten sich die Israelis auf diesen Film und legten dadurch ihr wahres Gesicht offen.

Rassistische Journalisten standen neben jenen, die als liberal gelten, nationalistische Politiker vereinten sich mit jenen, die als demokratisch gelten. Alle bildeten einen einzigen McCarthyistischen Chor.

Denn was ist letztlich der Unterschied zwischen der Aussage des rechten Journalisten Avri Gilad, „NAZA“ sei ein Akronym für die hebräischen Wörter „böswilliger antisemitischer Schaden“, und der hässlichen, abstossenden Leugnung des Journalisten der politischen Mitte, Yaron Avraham, jeglicher familiärer Verbindung zu Yuval Abraham (dessen Nachname auf Hebräisch genauso geschrieben wird)?

Was ist der Unterschied zwischen der Aussage des rechten Journalisten Amit Segal, die Filmemacher seien „Unterstützer des Propagandabüros der Hamas“, und der gelehrten „methodologischen“ Kritik der Haaretz-Kolumnisten Drucker und Uri Misgav, die mit aller Kraft davor zurückschrecken, sich mit dem eigentlichen Kern der Sache auseinanderzusetzen?

„Wo ist der Kontext?“, fragen die heuchlerischen Kritiker, die es niemals wagen würden, den palästinensischen Kontext des Angriffs vom 7. Oktober zu erwähnen. „Wo sind die Beweise?“, fragen Menschen, die wissen, dass die wichtigsten investigativen Recherchen der Geschichte – etwa Watergate und die Pentagon Papers – auf anonymen Zeugenaussagen beruhten. Und vor allem: Wo sind ihre eigenen investigativen Recherchen über Gaza? Sie wissen, dass „NAZA“ die Wahrheit ist. Aber sie wollen die Namen der Soldaten, die interviewt wurden, damit auch diese gemeinsam mit den Regisseuren auf dem Stadtplatz aufgehängt werden können.

Es gibt auch keinen Unterschied zwischen der Aussage des faschistischen Oppositionspolitikers Avigdor Lieberman, sie seien „Israelhasser, die sich selbst ‚Filmemacher‘ nennen“, dem grotesken Aufruf des unwissenden Kulturministers Miki Zohar, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, und dem feigen „Ich verurteile“ des progressiven Politikers Yair Golan.

Die Unterschiede liegen in der Verpackung. Aber der Inhalt ist derselbe – und in all diesen Fällen ist er erschreckend McCarthyistisch.

Szor, Abraham und jene mutigen Soldaten haben das Schweigen gebrochen. Sie verdienen in Israel grosse Anerkennung, und sie werden sie bekommen – aber nur auf den Seiten der Geschichtsbücher.

Quelle: https://www.haaretz.com/opinion/2026-09-17/ty-article-opinion/.premium/thanks-to-naza-hysteria-israel-is-finally-talking-about-gaza/000001a0-ab90-d5b2-a9ee-ab9a19a70000