Analyse von Dr. med. Michael Greger, deutsche Übersetzung:
Ich erörtere ein Argument aus gesundheitspolitischer Sicht für eine Modernisierung der Definition von Proteinqualität.
Im Jahr 2019 veröffentlichten Dr. David Katz und Kollegen, darunter einer meiner Lieblingsforscher, David Jenkins, eine Studie, die sich für eine Modernisierung der Definition von Proteinqualität aus Sicht der öffentlichen Gesundheit ausspricht. Die gängige Definition scheint mehr mit biochemischen Aspekten als mit den Gesamtauswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu tun zu haben. Die weitverbreitete Annahme, dass Protein „gut“ sei und je mehr, desto besser, kombiniert mit einer Definition von Proteinqualität, die tierliches Protein bevorzugt, erweckt den Eindruck, dass der Verzehr von mehr Fleisch, Eiern und Milchprodukten wünschenswert und vorzuziehen sei. Dies steht jedoch im direkten Widerspruch zu Ernährungsempfehlungen, die stattdessen einen höheren Anteil pflanzlicher Lebensmittel propagieren. Obwohl Proteinmangelernährung in vielen Teilen der Welt immer noch verbreitet ist, tritt sie in der industrialisierten Welt äusserst selten auf, wo „die grössten Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit … von chronischen Krankheiten ausgehen“, nicht von Krankheiten wie Kwashiorkor, einer schweren Protein- und Kalorienmangelernährung.
Im Jahr 2016 wurde eine wegweisende Studie der Harvard-Universität veröffentlicht, an der über 100.000 Menschen teilnahmen. Sie ergab, dass der Ersatz von tierlichem durch pflanzliches Eiweiss mit einem geringeren Risiko für vorzeitigen Tod einhergeht. Besonders problematisch schienen verarbeitetes Fleisch wie Speck sowie Eiprotein (Eiklar) zu sein. Doch schon der Austausch von nur 3 % tierlichen Eiweissen – beispielsweise aus verarbeitetem oder unverarbeitetem Fleisch, Geflügel, Fisch, Eiern oder Milchprodukten – durch pflanzliches Eiweiss senkte das Risiko für den wohl wichtigsten Endpunkt überhaupt: den Tod.
Aber woher wissen wir, dass es am Protein liegt? Die Forscher berücksichtigten Faktoren wie die Aufnahme gesättigter Fettsäuren, was darauf hindeutet, dass es nicht nur am tierlichen Fett liegt. Doch wie kann unser Körper zwischen pflanzlichem und tierlichem Protein unterscheiden? Ist Protein nicht einfach Protein? Nein. Pflanzliches Protein enthält im Allgemeinen, anders als tierliches, wenig verzweigtkettige Aminosäuren (BCAAs), und eine reduzierte Aufnahme von BCAAs verbessert die Stoffwechselgesundheit. Es könnte aber auch am IGF-1 liegen, einem krebsfördernden Wachstumshormon, dessen Spiegel durch die Aufnahme von sogenanntem hochwertigem tierlichem Protein erhöht wird. Wir vermuten, dass der Zusammenhang mit IGF-1 ursächlich ist, da Menschen mit angeborenen höheren IGF-1-Werten, unabhängig von ihrer Ernährung, häufiger an Krankheiten wie Typ-2-Diabetes und Herzerkrankungen leiden. Oder es könnte an etwas liegen, das die Harvard-Forscher nicht berücksichtigt haben, wie beispielsweise Schadstoffe wie Dioxine und polychlorierte Biphenyle (PCBs), da diese sich in der Nahrungskette anreichern und so in Rindern, Schweinen, Hühnern und Fischen landen und schliesslich auf unseren Tellern landen. „Pflanzliches Eiweiss stellt daher neben anderen gesundheitlichen Vorteilen einen wichtigen Schritt zur Verringerung der Körperbelastung durch schädliche Schadstoffe tierlichen Ursprungs in der Nahrung dar.“
Falls Ihnen eine Studie mit 100.000 Teilnehmern nicht ausreicht, wie wäre es mit 400.000? Die US-amerikanische National Institutes of Health – AARP Diet and Health Study ist die grösste Kohortenstudie zum Thema Ernährung in der Geschichte. Auch hier stellten die Forscher fest, dass bereits der Ersatz von 3 % der Kalorien aus tierlichem Eiweiss durch pflanzliches Eiweiss mit einer um 10 % geringeren Gesamtsterblichkeit einherging – und dieser Nutzen verdoppelt sich sogar, wenn man zusätzlich auf Eier verzichtet. Das ist nicht überraschend, da Eierkonsum mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist.
Betrachtet man alle Studien zum Zusammenhang zwischen Proteinzufuhr und Sterblichkeit, so zeigt sich, dass Menschen mit höherem Proteinkonsum tendenziell kürzer leben. Dies ist jedoch „hauptsächlich auf einen schädlichen Zusammenhang mit tierlichem Protein zurückzuführen“. Pflanzliches Protein hingegen korreliert umgekehrt mit der Sterblichkeit, was bedeutet, dass Menschen mit höherem pflanzlichem Proteinkonsum tendenziell länger leben. Mehr tierliches Protein kann also mit einer höheren Sterblichkeit einhergehen, während mehr pflanzliches Protein mit einer geringeren Sterblichkeit verbunden ist.
Das Beste aus beiden Welten wäre also, den Konsum von pflanzlichem Protein anstelle von tierlichem Protein zu erhöhen. Anders ausgedrückt: Wie eine weitere Metaanalyse feststellte, „sollten Menschen dazu ermutigt werden, ihren Konsum von pflanzlichem Protein zu erhöhen, um möglicherweise ihr Sterberisiko zu senken.“
https://nutritionfacts.org/blog/the-protein-debate-why-source-matters-more-than-amount/
