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«Schopenhauer schimpfte über eine Medizin, die sinnlose Experimente an Tieren durchführe, nur um an deren Schmerzen zu lernen – seit wann werde man ein besserer Arzt im Umgang mit Menschen, wenn man erst gelernt habe, mitleidlos mit fühlenden Kreaturen umzugehen? Drewermann verschärft den Gedanken: Die «Herren mit den Doktortiteln» führten in ihrem eigenen Kellergeschoss Experimente durch für Ergebnisse, die sie längst im Lehrbuch nachlesen könnten, doch eine Generation von Medizinstudenten nach der anderen müsse die «Skrupellosigkeit im Vivisezieren» erlernen – angeblich, um später besser mit dem Schmerz von Menschen umgehen zu können. Schopenhauers Kritik habe er sich, so Drewermann, «gefühlsmäßig voll und ganz» zu eigen gemacht: «So interpretiert man nicht Gott, so interpretiert man nicht seine Schöpfung, so versteht man nicht den Menschen inmitten einer göttlichen Schöpfung. So wird man barbarisch, rücksichtslos, und verliert ein Stück der Menschlichkeit.»»

«Ein zentraler, unbequemer Strang der Rede betrifft das biblische Gebot aus Genesis 1, Vers 28: «Macht euch die Erde untertan.» Manche Zyniker, so Drewermann, sagten, das sei das einzige Gebot, das die Menschen je wirklich befolgt hätten – und sie hätten sich vor allem an das ebenfalls dort stehende «Seid fruchtbar und mehret euch» «über alle Maßen» gehalten.»

«Drewermann gibt Schweitzers eigene, konsequent auf alles Lebendige ausgeweitete Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wieder: Kein Blatt vom Baum reißen, kein Insekt zertreten, lieber im Sommer bei geschlossenem Fenster arbeiten als Insekten an der Lampe verbrennen zu sehen, einen Regenwurm vom trockenen Asphalt ins Gras tragen, einem in eine Pfütze gefallenen Insekt einen Halm zur Rettung reichen. «Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegenüber allem, was lebt», so Drewermann – ein Prinzip, an das er sich nach eigener Aussage bereits vor 40 Jahren beim Einzug in seine Wohnung gehalten habe.»

«Auf diesen Bahnen zur Gefühllosigkeit lerne man schon im Umgang mit Tieren, insbesondere in Schlachthöfen: kein Bedauern, keine Empfindung bei den zu Billiglöhnen Beschäftigten. Dürfe man überhaupt noch Gefühle haben bei Hunderttausenden Tieren, die dort gequält werden, bei Hühnern, die Eier legten «wie mechanisierte Fabrikanten, keine Lebewesen mehr»?»

«Das Wachstum, das aus dieser Logik folgt, sei genau das, was man jeden Morgen in den Nachrichten höre, so Drewermann – wie der DAX gestiegen sei, wie sich der Aktienindex vermehrt habe. Dieser Anstieg gelte als Fortschritt:

«Immer mehr, in immer kürzerer Zeit, immer größer, immer gewaltiger, immer zerstörerischer. Das ist die Religion unserer Zeit.»

Auch die Lösungen zur «Rettung des Klimas» seien in diese kapitalistische Wachstumslogik eingebettet, «und damit wird es nicht verbessert, sondern noch verschlimmert».»

https://wissensgeisttv.substack.com/p/eugen-drewermann-der-mensch-ist-nicht