Verfasst von Dr. med. Michael Greger
Deutsche Übersetzung des Artikels:
Wie berechtigt ist die weit verbreitete Kritik von Unternehmen an der wissenschaftlichen Ernährungsliteratur, dass die Glaubwürdigkeit von Beobachtungsstudien fragwürdig sei?
Während randomisierte kontrollierte Studien bei der Bewertung von Interventionen wie Medikamenten sehr zuverlässig sind, gestalten sie sich bei der Ernährung schwieriger. Ernährungsbedingte Krankheiten können sich über Jahrzehnte entwickeln. Menschen können keine Placebo-Nahrung zu sich nehmen, und es ist schwierig, sie dazu zu bringen, sich an vorgegebene Ernährungspläne zu halten, insbesondere über die Jahre, die nötig wären, um Auswirkungen auf harte Endpunkte wie Krebs oder Herzkrankheiten zu beobachten. Deshalb müssen wir Beobachtungsstudien mit grossen Teilnehmerzahlen und deren Ernährung über einen längeren Zeitraum durchführen, um herauszufinden, welche Lebensmittel mit welchen Krankheiten in Verbindung stehen. Interessanterweise zeigen Daten aus populationsbasierten Beobachtungsstudien im Durchschnitt kaum signifikante Unterschiede zwischen den Ergebnissen. Die Effekte waren nicht nur in die gleiche Richtung gerichtet, sondern auch von ähnlicher Grössenordnung bei etwa 90 % der Untersuchungen.
Selbst wenn Beobachtungsstudien eine geringere Aussagekraft hätten, benötigen wir vielleicht nicht dieselbe Gewissheit, wenn wir jemandem raten, mehr Brokkoli zu essen oder weniger Limonade zu trinken, als wenn wir über die Verschreibung eines Medikaments entscheiden. Schliesslich sind verschreibungspflichtige Medikamente die dritthäufigste Todesursache in Europa und den USA. An erster Stelle stehen Herzkrankheiten, dann Krebs und dann Ärzte. Jedes Jahr sterben in den USA etwa 100.000 Menschen an den Nebenwirkungen von verschreibungspflichtigen Medikamenten – und das bei vorschriftsmässiger Einnahme! Angesichts dieser enormen Risiken müssen die Vorteile also absolut stichhaltig sein. Man spielt mit dem Feuer, daher fordere ich randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studien für Medikamente. Wenn man den Leuten aber nur rät, weniger Donuts zu essen, braucht man nicht denselben Beweisstandard.
Letztendlich ist die von der Zuckerindustrie finanzierte Studie, die zu dem Schluss kommt , dass die Ernährungsempfehlungen zur Reduzierung des Zuckerkonsums aufgrund „minderwertiger Evidenz“ nicht vertrauenswürdig seien, ein Beispiel für die „unangemessene Anwendung des Paradigmas von Arzneimittelstudien in der Ernährungsforschung“. Man könnte einwenden: Was hätten die Autoren denn tun sollen? Wenn man Leitlinien anhand von GRADE bewertet, kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Es gibt jedoch andere Instrumente, wie NutriGrade, ein Bewertungssystem, das speziell zur Beurteilung der Evidenzqualität in der Ernährungsforschung entwickelt wurde. Ein Vorteil von NutriGrade ist, dass es die Finanzierungsverzerrung explizit berücksichtigt, sodass von der Industrie finanzierte Studien herabgestuft werden. (Kein Wunder also, dass die von der Industrie finanzierten Autoren stattdessen die ungeeignete Methode der Arzneimittelstudien wählten.)
HEALM ist ein weiteres Beispiel. Es steht für „Hierarchies of Evidence Applied to Lifestyle Medicine“ (Hierarchien der Evidenz in der Lebensstilmedizin) und wurde speziell entwickelt, da bestehende Instrumente wie GRADE bei Fragestellungen, die nicht vollständig durch randomisierte kontrollierte Studien beantwortet werden können, keine praktikablen Optionen darstellen. Jede Forschungsmethode leistet ihren eigenen Beitrag, wie Sie unten und bei 3:17 in meinem Video „Beobachtungsstudien zeigen ähnliche Ergebnisse wie randomisierte kontrollierte Studien“ sehen können.
Im Labor lassen sich die genauen Mechanismen erforschen; randomisierte kontrollierte Studien können Ursache und Wirkung beweisen, und riesige Bevölkerungsstudien können Hunderttausende von Menschen gleichzeitig über Jahrzehnte hinweg untersuchen.
Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte der Transfette. Es gab randomisierte, kontrollierte Studien, die zeigten, dass Transfette die Risikofaktoren für Herzerkrankungen erhöhen, und Bevölkerungsstudien, die belegten, dass je mehr Transfette Menschen zu sich nahmen, desto häufiger an Herzerkrankungen litten. Zusammengenommen lieferten diese Studien überzeugende Beweise für die schädlichen Auswirkungen des Transfettkonsums auf Herzerkrankungen. Infolgedessen wurden Transfette weitgehend aus den US-amerikanischen Lebensmitteln verbannt, wodurch jährlich bis zu 200.000 Herzinfarkte verhindert werden konnten. Es stimmt, dass es nie randomisierte, kontrollierte Studien mit harten Endpunkten wie Herzinfarkten und Todesfällen gab, da dies Jahre gedauert hätte, in denen Menschen zufällig ausgewählt worden wären, um täglich beispielsweise Dosen mit Fett zu konsumieren. Wenn Zehntausende von Menschenleben auf dem Spiel stehen, darf das Streben nach Perfektion nicht das Gute verhindern.
Die Verantwortlichen im öffentlichen Gesundheitswesen müssen mit den bestmöglichen verfügbaren Erkenntnissen arbeiten. Man denke nur daran, wie tolerierbare Höchstwerte für Blei- oder PCB-Belastung festgelegt werden. Es ist nicht so, als würden Kinder nach dem Zufallsprinzip unterschiedlichen Mengen Blei zu sich nehmen und anschliessend beobachtet, um festzustellen, wer im Erwachsenenalter tolerierbare Hirnschäden entwickelt. Solche Experimente sind nicht durchführbar; daher müssen Erkenntnisse aus möglichst vielen Quellen zusammengetragen werden, um die bestmögliche Annäherung zu erreichen.
Selbst wenn keine randomisierten kontrollierten Studien zu einem bestimmten Thema vorliegen oder diese nicht durchführbar sind, liefern Beobachtungsstudien zahlreiche Erkenntnisse über die ernährungsbedingten Ursachen vieler Krebsarten, beispielsweise den Zusammenhang zwischen dem Konsum von rotem Fleisch und dem erhöhten Risiko für Darmkrebs. Würde man also die Ernährungsempfehlungen zur Krebsprävention mit dem für Arzneimittel entwickelten GRADE-Ansatz bewerten, käme man zum selben Schluss wie bei der Zuckerstudie: Die Evidenz ist von geringer Qualität. Es überrascht daher nicht, dass eine von der Fleischindustrie finanzierte Einrichtung denselben Experten engagierte, der die von der Zuckerindustrie finanzierte Studie mitkonzipiert und gestaltet hatte. Und wenig überraschend wurde er Hauptautor einer Studie, die behauptet, man könne die Ernährungsempfehlungen zur Reduzierung des Konsums von rotem und verarbeitetem Fleisch ignorieren, da die Evidenz mit GRADE-Methoden bewertet worden sei. Obwohl die aktuellen Ernährungsempfehlungen eine Einschränkung des Fleischkonsums nahelegen, zeigten die Ergebnisse erwartungsgemäss, dass die Evidenz „von geringer Qualität“ sei.
Bevor ich mich näher mit den Studien zum Thema Fleisch befasse, möchte ich noch eine letzte Ironie zur Zuckerstudie anmerken. Die Autoren nutzten die Uneinheitlichkeit der Empfehlungen in den Zuckerrichtlinien über einen Zeitraum von 20 Jahren, um Bedenken hinsichtlich deren Qualität zu äussern. Natürlich ist zu erwarten, dass sich Richtlinien weiterentwickeln, doch die aktuellsten Richtlinien weisen eine bemerkenswerte Übereinstimmung auf – mit einer Ausnahme: der Richtlinie des Institute of Medicine aus dem Jahr 2002, die besagte, dass ein Viertel unserer Ernährung aus reinem Zucker bestehen könne, ohne dass es zu Mangelerscheinungen käme. Diese Ausnahme wurde jedoch teilweise von einem Institut finanziert, das wiederum von Coca-Cola, PepsiCo sowie Keks- und Süsswarenherstellern unterstützt wurde – einem Institut, das nun behauptet: „Seht ihr? Da die Empfehlungen so uneinheitlich sind (auch dank uns), kann man ihnen nicht trauen.“
https://nutritionfacts.org/blog/when-should-we-rely-on-observational-studies/

